Der Zähringer Löwe

 

 


 

Um Fälschungen glaubhafter zu machen, verwendete man Siegel meist von echten Urkunden. Aus heutiger Sicht scheint die Menge der gefälschten Urkunden eine gewisse Normalität zu suggerieren. Die Grenze zwischen echt und falsch ist fließend, sie lässt sich bei mittelalterlichen Urkunden nicht genau festlegen.

Manche Fälscher wollten durch ihre Manipulation oft nur einen formalen Mangel beheben, um früher erworbenes Gut oder ein Versprechen nunmehr durch schriftlichen Beweis zu sichern oder um gutes Recht wieder herzustellen. In diese Gruppe gehören Vogteifälschungen ebenso wie nachträglich urkundlich bezeugte Klostergründungen. Es sind besonders die Schenkungsurkunden und die Privilegien, mit deren Verfälschung Besitz, Macht und Einfluss vergrößert wird; denn die Basis der kirchlichen wie auch der weltlichen Macht beruht im Hochmittelalter vorwiegend auf dem Grundbesitz, von dem Abgaben in Form von Naturalien, Geld und Dienstleistungen zufließen.

Viele große Fälschungen haben ihre eigene Geschichte und darüber hinaus selbst Geschichte gemacht, wie die berühmteste Fälschung des Mittelalters, die Konstantinische Schenkung. Hierin wird der angebliche Schenkungsakt aus dem 4. Jh. urkundlich festgehalten – der in der päpstlichen Kanzlei vielleicht erst im 9. Jh. komplett erfunden wurde –, um damit die Vormachtstellung des Papsttums in Europa zu begründen. Darüber hinaus sollten Besitzansprüche der katholischen Kirche an ganz Mittelitalien (Vatikanstaat) als ein uraltes Besitzrecht dargestellt werden. Auf diese Fälschung geht die Begründung des Kirchenstaates bis ins 19. Jh. zurück.

So soll Kaiser Konstantin der Große, als er seine Residenz von Rom nach Byzanz verlegte, im Jahr 330 an Papst Silvester I. territoriale und hoheitliche Rechte übertragen haben; seitdem beanspruchte der Pontifex auch das Recht, die abendländische Kaiserwürde zu verleihen. Die kritischen Prüfungen dieser ominösen "Schenkung" weisen aber auf ihre Anfertigung durch römische Geistliche im 8 Jh. hin.  


Darstellung der Konstantinischen Schenkung auf einem Fresko aus dem 13. Jh.

Auch frühere Papstbriefe waren zum großen Teil erfunden, bekannt wurden sie als Pseudoisidorische Fälschungen. Sie sind von einer Fälschergruppe im 9. Jh. angefertigt worden. Diese, nach einem fingierten Verfasser, Isidor Mercator, benannten gefälschten Dekretalen
[in Urkundenform (epistolae oder litterae decretales) veröffentlichte Antwort des Papstes auf eine Rechtsanfrage oder eine Entscheidung im Rahmen der päpstlichen Jurisdiktionsgewalt] wurden ebenso schnell als echtes Rechtsgut in die Kirchenlehre einbezogen wie die echten Urkunden des 4. Jh. Ihre Wirksamkeit reicht sogar noch in unsere Zeit hinein, z.B. im alleinigen Einberufungsrecht des Papstes zum ökumenischen Konzil nach Rom. 

Von den überlieferten Urkunden der Merowingerkönige ist etwa die Hälfte gefälscht. Von den 270 registrierten Urkunden Karls des Großen sind ungefähr 100 Fälschungen. Die Urkunden der ersten Sächsischen Herrscher weisen immerhin noch 10% als Fälschungen aus. 
Auch die deutschen Bistümer sind kaum ohne Fälschungen ausgekommen. Selbst Päpsten wurden solche nachgewiesen. So bestätigt Calixt II. um 1120 als Papst Falsifikate, die er als Erzbischof zugunsten der Kirche hatte anfertigen lassen. Für die Fälschungen wurde eine Vorlage benutzt, deren Echtheit und Alter gesichert war. Aussehen, Schriftbild, Datum und Siegel - Zeugen gab es ab 1070 - mussten der Zeit entsprechen, auf die die Fälschung Bezug nahm. Entweder wurde nun in echten Stücken der Text radiert oder es wurden vorwiegend verfälschende Änderungen durch Einschübe, sog. Interpolationen vorgenommen, Datum und Siegel aber belassen. Der Fälscher war besonders bemüht, die Schrift nachzuahmen.

Fälschungen kamen i.d.R. aus den Schreibstuben des geistlichen Standes, denn dies waren die Zentren der Schreibtätigkeit - die Kanzleien der Könige und Päpste, die Bischofssitze und die Klöster, wobei der geistliche Stand nicht immer Auftraggeber war. Mit der Zunahme der Städtegründungen traten auch fürstliche und städtische und private Kanzleien stärker in Erscheinung. 

Einige Beispiele verdeutlichen dies: Bischof Pilgrim von Passau (971-991), die Abtei Fulda um 1200 durch den Mönch Eberhard, der mit großem Geschick die rechtliche Aufbesserung von alten Urkunden in Königs-urkunden vornahm. Vom Kloster Reinhardsbrunn in Thüringen sind im
12. Jh. 13 Falsifikate bekannt, u.a. der vergebliche Versuch mit falschen Urkunden einer Gründung des Klosters Georgental in unmittelbarer Nähe zu begegnen. Gefälschte Hochgerichtsbarkeit und fingierte Abgaben-erhöhungen sind mit Bezug auf die echte Gründungsurkunde aus dem Kloster Berg in Altenburg in 23 Falsifikaten bekannt. 

So dürfte es vielerorts im Sacrum Imperium Romanum zugegangen sein. Obwohl Urkundenfälschungen nach dem Sachsen- und später Schwabenspiegel, also den ersten Rechtsbüchern, und auch nach dem kanonischen Recht unter Strafe standen, je nach Schwere ging es einem Fälscher oder Auftraggeber an den Hals, waren sich die Scriptoren solcher Diplome und Mandate eines Verstoßes gegen die bestehende Rechtsordnung nicht immer bewusst. Gemessen an der hohen Zahl der Fälschungen sind nur wenige Prozessakten überliefert. In Zweifelfällen musste ein Ordal = Gottesurteil, über Wahr oder Falsch im Zweikampf entscheiden, denn nach der Auffassung des Mittelalters lässt Gott die gerechte Sache siegen.

Von ihrem Alter hing im Mittelalter sehr oft die Rechtsgültigkeit einer Urkunde ab. Im Streitfall hatte das nachgewiesene ältere Recht das größere Gewicht. Eine Urkunde durfte um so weniger "gescholten", d.h. angefochten werden, je älter die Urkunde und je höheren Standes ihr Aussteller war. Dies traf überwiegend auf Kaiser-, Königs- und Papsturkunden zu, denn im Mittelalter galt: das alte überlieferte Recht war das bessere Recht. Auf diese Weise wurden manche Genealogien durch Fälschung untermauert, in Viten und Chroniken fälschlich auf alte Herrscherhäuser zurückgeführt, um Macht- und Rechtsansprüche durch weit in die Vergangenheit zurückreichende Stammbäume zu beweisen. So wurde in der Reinhardsbrunner Chronik die karolingische Abstammung der Landgrafen von Thüringen immer wieder bezeugt. 

Die Rechtskraft von Privilegien und Schenkungen konnten durch erneute Bestätigung, etwa beim Tode eines Herrschers durch den neuen Herrscher, teilweise auch mit einer Goldbulle, bestätigt und damit manifestiert werden.

In den Fehdewirren der 20er und 30er Jahre des 13. Jh. im Herzogtum Schwaben haben die dortigen Zähringer Markgrafen sich mehrfach Urkunden bestätigen lassen. Dies wird deutlich an einem Diplom des Jahres 1234 von Kaiser Friedrich II., welches in Italien erneuert und ausgestellt wurde: es war den Markgrafen so wichtig, dass sie es nachträglich auch noch mit einer Goldbulle besiegeln ließen – der der Urkunde zugrunde liegende Rechtsvorgang lag bereits im Jahre 1219. Danach hatte der damalige König Friedrich II. dem badischen Markgrafen Hermann die Städte Lauffen, Sinsheim und Eppingen verpfändet, hatte ihm Ettlingen zu Lehen und Durlach als Eigenbesitz verliehen, als Ersatz für Erbansprüche, die Hermann durch seine Gattin Irmengard auf die Güter des Herzogs Heinrich von Braunschweig besaß. Diese Diplome waren keine Fälschung, bestätigen jedoch diese gängige Praxis. Gründe für die Erneuerung könnten in der aussterbenden Linie der Zähringer gelegen haben.  

 

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